Regretting Motherhood: Zwischen Liebe zum Kind und Verlust des eigenen Selbst
- manuelajanssen8

- 14. Mai
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 17. Mai

Kennst du das Gefühl, dass sich dein Alltag plötzlich nur noch um die Kinder dreht und du dir das Leben als Mutter anders vorgestellt hast?
Vielleicht liebst du dein Kind von ganzem Herzen, aber trotzdem tauchen immer wieder Gedanken auf, dass du die Mutterschaft bereust. Begleitet von Schuldgefühlen und dem Gefühl, deshalb eine „schlechte Mutter“ zu sein.
Regretting Motherhood (auf Deutsch: mütterliche Reue) ist verbreiteter, als viele denken. Und du bist damit nicht allein.
In diesem Artikel geht es darum, warum diese Gefühle entstehen und welche gesellschaftlichen Hintergründe es gibt.
Außerdem findest du Impulse, wie du besser damit umgehen kannst.
Regretting Motherhood: Wenn die Realität zum Tabuthema wird
Mutter zu sein gilt oft als eine der erfüllendsten Erfahrungen im Leben.
Doch viele Frauen erleben etwas ganz anderes: Zweifel, Überforderung und manchmal sogar Reue. Das bedeutet nicht automatisch, dass sie ihre Kinder nicht lieben.
Frauen, die so empfinden, gehen schlichtweg nicht in der Mutterschaft auf
Vielmehr entsteht ein Spannungsfeld zwischen Liebe und Dauerbelastung, zwischen Erwartungen und Realität.
„Aber warum bekommt man dann ein Kind, wenn man das gar nicht will?“
Diese Frage klingt so einfach und trifft doch auf eine viel komplexere Realität.
Wer keine Kinder hat, kann sich das Leben mit Kindern oft nur in Bildern vorstellen, nicht in gelebten Tagen, Nächten und all den Verschiebungen des eigenen Selbst.
Viele Mütter werden deshalb von der Wirklichkeit überrascht, wenn aus Vorstellung Alltag wird und aus Wunsch Verantwortung, die keinen Feierabend kennt.
Das Leben mit Kind ist selten so eindeutig, wie es vorher erscheint. Es ist laut. Fordernd. Berührend. Und zugleich zutiefst verändernd.
Hinzu kommt der leise, aber stetige Druck von außen: die Erwartung, dass ein Kinderwunsch „irgendwann dazugehört“, dass Mutterschaft ein natürlicher Lebensschritt sein müsse.
So wird Mutterschaft manchmal nicht nur gewählt, sondern auch geprägt. Von Erwartungen. Bildern. Und dem Versuch, sich in all dem selbst noch zu erkennen.
„Regretting Motherhood“:
Scham- und Schuldgefühle als leise Begleiter
Wenn Mutterschaft nicht das versprochene Glück erfüllt, sondern sich schwer, fremd oder überwältigend anfühlt, entstehen oft Gefühle, die kaum Raum bekommen:
Scham und Schuld.
Geprägt von gesellschaftlichen Erwartungen fällt es vielen Frauen schwer, diese Ambivalenz überhaupt in Worte zu fassen.
Zu groß ist die Angst, nicht zu entsprechen. Nicht der Vorstellung einer „guten Mutter“. Nicht dem Bild von Liebe, die immer leicht und selbstverständlich sein soll.
So bleiben diese Gedanken oft unausgesprochen, selbst im engsten Kreis.
Sie werden getragen im Stillen, verborgen hinter Alltag und Funktionieren.
Doch das Schweigen hat seinen Preis: Es kann einsam machen. Das Gefühl verstärken, missverstanden zu sein. Eine tiefe innere Erschöpfung hinterlassen.
Gründe für Regretting Motherhood
1. Verlust von Identität und Freiheit
Viele Frauen erleben durch die Mutterschaft einen starken Einschnitt in ihre Selbstbestimmung. Spontaneität, berufliche Entwicklung oder persönliche Interessen treten in den Hintergrund.
2. Enttäuschte Erwartungen
Die Realität des Mutterseins entspricht oft nicht dem idealisierten Bild. Statt enger Bindung und Glück erleben viele Überforderung, Distanz oder Erschöpfung.
3. Fehlende Unterstützung
Ein Mangel an Hilfe durch Partner, Familie oder Umfeld verstärkt das Gefühl, alles allein bewältigen zu müssen.
4. Psychische Belastungen
Dazu zählen nicht nur diagnostizierte Erkrankungen, sondern auch häufige Themen wie Selbstzweifel, Erschöpfung, Stimmungsschwankungen oder fehlende Selbstverbindung.
5. Eigene Kindheit als innere Vorlage
Viele Frauen orientieren sich unbewusst an dem, was sie selbst erlebt haben:
Wie war die eigene Mutter?
Wurde Fürsorge als belastend oder selbstverständlich erlebt?
Gab es emotionale Wärme oder eher Überforderung?
6. Gelerntes Rollenbild von Mutterschaft
Die eigene Geschichte enthält oft klare Botschaften wie:
„Eine gute Mutter stellt sich komplett zurück“
„Kinder machen automatisch glücklich“
„Man muss alles alleine schaffen“
Welche Rolle spielt ein Bindungs- und Entwicklungstrauma
Bindungs- und Entwicklungstrauma kann bei Regretting Motherhood eine sehr zentrale Rolle spielen. Weil sie direkt beeinflusst, wie Nähe, Verantwortung, Stress und emotionale Abhängigkeit erlebt werden.
Wichtig vorweg: Das bedeutet nicht, dass jede betroffene Mutter ein Trauma hat.
Aber es ist ein häufiger, gut erklärbarer Risikofaktor, wenn Mutterschaft als überwältigend oder entfremdend erlebt wird.
1. Was ist Bindungs- und Entwicklungstrauma überhaupt?
Ein Bindungs- oder Entwicklungstrauma entsteht meist in der Kindheit durch wiederholte Erfahrungen wie:
emotionale Vernachlässigung (Gefühle wurden nicht gesehen)
unsichere oder wechselhafte Bezugspersonen
Überforderung, Angst oder fehlende Co-Regulation
fehlende stabile Bindung („ich bin allein mit meinen Gefühlen“)
Das Nervensystem lernt dabei früh:
Nähe ist nicht sicher oder nicht zuverlässig regulierend.
2. Wie wirkt sich das später im Muttersein aus?
Mutterschaft ist emotional extrem bindungsintensiv.
Genau hier werden alte Muster oft reaktiviert.
Ein Baby/Kleinkind braucht ständige emotionale Verfügbarkeit. Bei früher unsicherer Bindung kann das System darauf reagieren mit: innerer Enge, Reizüberflutung oder der Wunsch nach Rückzug.
3. Aktivierung alter Kindheitszustände („Regression“)
Durch die intensive Verantwortung für ein Kind wird oft ein innerer Zustand aktiviert, den man selbst als Kind erlebt hat: Hilflosigkeit, Überforderung oder Alleinsein.
Das eigene Nervensystem reagiert dann nicht nur auf das Baby, sondern auch auf alte gespeicherte Erfahrungen.
Das kann sich äußern als:
starke Erschöpfung trotz objektiv „normalem“ Alltag
emotionale Abflachung oder Distanz
inneres Gefühl von „ich kann nicht mehr“
4. Schwierigkeit mit Co-Regulation
Kinder brauchen, dass ein Erwachsener ihre Gefühle mitreguliert (Co-Regulation).
Bei Entwicklungstrauma kann genau das schwer sein, weil die Fähigkeit oft selbst nicht stabil gelernt wurde.
Dann entsteht ein Spannungsfeld:
Kind braucht Nähe, Ruhe, Geduld
eigenes System ist selbst im Stressmodus
5. Identitätskonflikt und inneres Kind
Viele Betroffene spüren zusätzlich einen inneren Konflikt:
ein Teil möchte für das Kind da sein
ein anderer Teil will endlich selbst „versorgt“ werden
Das sogenannte „innere Kind“ meldet sich:
„Ich habe selbst zu wenig bekommen – jetzt kann ich nicht noch geben.“
Das kann emotionale Ambivalenz verstärken und Schuldgefühle auslösen.
Warum das Thema ein Tabu ist
Trotz seiner Häufigkeit bleibt Regretting Motherhood ein gesellschaftliches Tabu.
Dafür gibt es mehrere Gründe:
Idealisierung der Mutterschaft
Mutterschaft wird oft als höchste Form der Erfüllung dargestellt. Wer das nicht empfindet, fühlt sich schnell „falsch“.
Angst vor Verurteilung
Viele Frauen schweigen aus Angst, als egoistisch oder unfähig zu gelten.
Gesellschaftliche Rollenbilder
Frauen werden häufig stark über ihre Mutterrolle definiert.
Zweifel daran wirken wie ein Bruch mit traditionellen Erwartungen.
Geringe Sichtbarkeit
Das Thema wird selten offen dargestellt, wodurch viele Betroffene sich allein fühlen.
Wichtige Einordnung
Nicht jede schwierige Phase im Muttersein bedeutet, dass du die Mutterschaft dauerhaft bereust. Viele Gefühle entstehen in Überlastungssituationen wie dem Wochenbett, Schlafmangel oder emotionalem Stress und können sich wieder verändern.
Aber was ist, wenn dieses Gefühl bleibt?
Selbsthilfe und Unterstützung
Hilfreich können sein:
ehrliche Gespräche mit dem Partner oder Umfeld
mehr Entlastung im Alltag
professionelle Unterstützung (Beratung, Therapie)
realistische Erwartungen an Mutterschaft
Zeit für eigene Bedürfnisse
Finde wieder zurück zu dir selbst
und baue dir ein für dich stimmiges Leben auf

Fazit
Regretting Motherhood bedeutet nicht, dass eine Mutter ihr Kind nicht liebt.
Es beschreibt vielmehr den Konflikt zwischen gesellschaftlichem Ideal und individueller Realität. Diese Gefühle anzuerkennen, ist ein Schritt hin zu mehr Ehrlichkeit.
Gleichzeitig darf nicht übersehen werden, dass unsere Gesellschaft dieses Problem oft mitbedingt: Durch idealisierte Mutterbilder, ungleiche Verteilung von Care-Arbeit und zu wenig echte Unterstützung entsteht ein Rahmen, in dem Überforderung schnell zu Schuld und Scham wird.
Umso wichtiger ist es, mehr Verständnis, Aufklärung und realistische Bilder von Mutterschaft zu fördern, statt das Thema weiter zu tabuisieren.
Und genau darüber zu sprechen, kann helfen, das Tabu zu lösen. Ohne Mutterschaft abzuwerten. Mutterschaft sogar vielleicht menschlicher, ehrlicher und lebensnäher zu machen.
Wenn du dich in diesen Themen wiederfindest und dir Unterstützung im Familienalltag wünschst, begleite ich dich im Rahmen einer bindungsorientierten Elternbegleitung dabei, wieder mehr Verbindung, Verständnis und Entlastung in deinen Alltag zu bringen.



